Hinweis

Für dieses multimediale Reportage-Format nutzen wir neben Texten und Fotos auch Audios und Videos. Daher sollten die Lautsprecher des Systems eingeschaltet sein.

Mit dem Mausrad oder den Pfeiltasten auf der Tastatur wird die jeweils nächste Kapitelseite aufgerufen.

Durch Wischen wird die jeweils nächste Kapitelseite aufgerufen.

Los geht's

Georgien - Liberale Demokratie versus Festhalten an Tradition

Logo http://deutschlandfunkkultur.pageflow.io/georgien-liberale-demokratie-versus-festhalten-an-tradition
Audio

00:00
/
03:12
Audio jetzt starten

Audio anhören

Georgien ist im Umbruch, Gegensätze prallen aufeinander. Junge Leute lernen Fremdsprachen, suchen den Anschluss an Westeuropa und die USA. Die Generation ihrer Eltern spricht oft nur Georgisch oder Russisch, ist geprägt von der sowjetischen Vergangenheit und dem Glauben, sowieso nichts verändern zu können. Viele Menschen sind arm, in den Dörfern leben sie wie vor 100 Jahren mit eigenem Brunnen, Kühen, Schafen, Gänsen.

Georgien möchte Mitglied in der EU werden und kommt dabei voran. Die Zivilgesellschaft floriert. Das Land hat sich verpflichtet, Menschenrechte einzuhalten und Männer und Frauen gleich zu behandeln. Seit kurzem können Georgier ohne Visum in die EU reisen. Doch die patriarchalischen Strukturen und althergebrachten Denkweisen sind hartnäckig.

Zum Anfang

Offiziell ist Georgien mit knapp 70.000 Quadratkilometern etwa so groß wie Bayern. Tatsächlich aber herrscht die Regierung in Tiflis über deutlich weniger Land. Die Regionen Abchasien und Südossetien haben sich abgespalten. Der mächtige Nachbar Russland sorgte zuletzt 2008 dafür, dass das so bleibt. Flüchtlingsströme waren die Folge der kriegerischen Konflikte und belasten das wirtschaftlich schwache Land bis heute.

Mit dem Zerfall der Sowjetunion hatte Georgien im Jahr 1991 seine Unabhängigkeit erlangt. Die Regierung versuchte, aus der einstigen Georgischen Sozialistischen Sowjetrepublik einen modernen Nationalstaat zu formen. Keine leichte Aufgabe. Denn im Zentrum des georgischen Nation-building stand der Rückgriff auf Geschichte und Mythen des mittelalterlichen Königreichs. Zudem erhielt die georgische orthodoxe Kirche eine herausragende Stellung. Nicht alle wollten dabei mitmachen. Schließlich gehören zahlreiche Menschen im Land anderen Volksgruppen und Religionen an, werden neben Georgisch gut zwanzig weitere Sprachen gesprochen. Konflikte wie die um Abchasien und Südossetien waren die Folge.

Zum Anfang

Unsere Reportage führt uns in Flüchtlingsheime und Elendssiedlungen. Wir besuchen Beratungsstellen, sprechen mit Sozialarbeitern, Gewaltopfern und Aktivisten. In einem der ältesten Klöster Georgiens lassen wir uns von frommen Pilgern ihre Weltsicht erklären.

Unsere Gesprächspartner treffen wir in der Hafenstadt Batumi am Schwarzen Meer, in der Kleinstadt Sugdidi an der Grenze zum Separationsgebiet Abchasien, am Pilgerkloster Alawerdi und natürlich in der Hauptstadt Tiflis.

Thomas Franke/Martin Reiner

Zum Anfang
Zum Anfang
Video

Video ansehen

Batumi am Schwarzen Meer. Knapp 200.000 Menschen leben hier. Hinter den Glitzerfassaden sind Spielsalons und Hotels. Es gibt sogar einen Trump Tower. Das Klima ist feucht, es regnet viermal mehr als in Berlin. Trotzdem ist Batumi der beliebteste Urlaubsort in Georgien. Auch Zitrusfrüchte und Öltransport bringen Geld. Am Stadtrand liegt die „Stadt der Träume“. Doch dieser Ort ist eher ein Alptraum, denn es ist ein Slum.

Zum Anfang
Zum Anfang
Zum Anfang
Zum Anfang
Audio

00:00
/
03:12
Audio jetzt starten

Audio anhören

Sugdidi, eine Kleinstadt im Nordwesten Georgiens. Hier leben viele Flüchtlinge aus dem Krieg um die Region Abchasien. Der ist zwar schon länger als 25 Jahre her, die Situation der Geflüchteten verbessert sich jedoch nur langsam. Am Rand der Stadt gibt es eine Neubausiedlung, gebaut mit deutschen Geldern. Wer dort lebt, hat Glück.

Zum Anfang
Zum Anfang
Zum Anfang
Zum Anfang
Audio

00:00
/
03:12
Audio jetzt starten

Audio anhören

Tiflis, die Hauptstadt Georgiens. Etwas mehr als eine Million Einwohner. Die Bevölkerung ist tief gespalten. Viele junge Leute orientieren sich an London, Paris oder Berlin, es gibt sogar vegane Cafés oder Clubs. Ein Teil der Menschen kommt mit all dem nicht zurecht. Ultraorthodoxe Christen und Nationalisten gewinnen an Einfluss. Besonders Homosexuelle bekommen das zu spüren. Levan Berianidse arbeitet für eine LGBT-Organisation. LGBT steht für lesbisch, schwul, bisexuell, transgender.

Zum Anfang
Video

Video ansehen

Einschneidendes Ereignis: Im Mai 2013 kam es in Tiflis zu regelrechten Jagdszenen, als ein gewalttätiger Mob, angestiftet von Kirchenführern, gegen die Teilnehmer einer Kundgebung für die Rechte sexueller Minderheiten vorging.

Zum Anfang
Schließen

„Wir waren vielleicht hundert, hundertfünfzig Leute. Auf der anderen Seite standen zwanzig- oder dreißigtausend.
Zwischen uns und denen gab es einen Zaun. Und Polizisten standen da. Aber noch bevor unsere Demonstration losgehen sollte, fingen der Mob und die Geistlichen an, die Barriere zu durchbrechen, gingen auf uns los.
Die Polizisten riefen, wir sollten in Richtung der bereitstehenden Busse laufen. Wir hatten überhaupt keine Ahnung, dass da Busse für uns standen, um uns wegzubringen. Ganz normale Busse.“

Ein Video der georgischen Plattform GeoPolitNews vermittelt einen Eindruck der Ereignisse in Tiflis.
Zum Anfang
Audio

00:00
/
03:12
Audio jetzt starten

Audio anhören

„Ich habe Angst, und ich spüre diese permanente Bedrohung, wenn ich hier in meiner eigenen Stadt unterwegs bin. Die Leute starren mich an, manchmal erkennen sie mich. Gestern zum Beispiel war ich unterwegs mit zwei Freundinnen, als ein Auto vorbeifuhr und jemand darin rief: 'Oh, schaut nur, drei Mädchen.' Ich war also ein Mädchen.“

Zum Anfang
Audio

00:00
/
03:12
Audio jetzt starten

Audio anhören

Das Antigewaltzentrum in Tiflis. Die Frauen hier kümmern sich um Opfer häuslicher Gewalt. Sie haben das Zentrum 1991 eröffnet. Damals hatten sie nicht mal Strom. Heute können sie Gewaltopfer sogar in einem Frauenhaus unterbringen. Sie glauben, dass Georgien Fortschritte auf dem Weg zu einer modernen Gesellschaft macht.

Zum Anfang
Audio

00:00
/
03:12
Audio jetzt starten

Audio anhören

„Wir müssen Türen aufstoßen. Nicht nur eine. Die Frauenbewegung wurde stärker mit der Zeit. Als wir angefangen haben, haben wir uns nicht so stark gefühlt wie jetzt. Als das Zentrum 1991 geöffnet hat, da hatten wir kein Licht, keinen Strom, und dann hat sich unser Land Schritt für Schritt entwickelt. Und wir sind hoffentlich sehr bald Mitglied der Europäischen Union. Diese Bewegung ist immer stärker geworden. Wirklich.

Mittlerweile leben viele junge Familien gleichberechtigt, die Hälfte, vielleicht sogar mehr. Die Männer sind bereit, den Frauen zu helfen, und niemand macht sich über sie lustig. Und wenn wir zwei Generationen weiter denken, dann wird das eine sehr schöne Gesellschaft in Georgien. Hoffe ich. Vielleicht ja schon nach einer Generation.“

Zum Anfang
Audio

00:00
/
03:12
Audio jetzt starten

Audio anhören

„Vorletztes Jahr wurden 19 Frauen getötet, Opfer häuslicher Gewalt. Die Männer bekamen alle Haftstrafen, die wir für zu kurz halten. Und die Justiz urteilt gegen Frauen viel härter.

Kürzlich gab es einen Prozess, da hat eine Frau ihren Mann und ihr Kind umgebracht. Sie bekam lebenslänglich. Für genauso einen Mord bekommen Männer eine kürzere Haftstrafe.“

Zum Anfang
Audio

00:00
/
03:12
Audio jetzt starten

Audio anhören

 „Ich habe weder Mutter noch Vater, ich bin Waise. Einer meiner Brüder ist ebenfalls verstorben. Im Moment habe ich einen Bruder und eine Schwester, aber beide wollen nichts mit mir zu tun haben. Das ist sehr schade und schwer für mich.

Ich habe bei meinem Bruder gelebt. Er hat beschlossen, dass ich heirate.

Im Jahr 2013 habe ich geheiratet, mein erstes Kind habe ich am 25. November 2013 bekommen. Mein Ehemann war 15 Jahre älter als ich. Von Anfang an gab es Konflikte. Eigentlich ist Konflikt das falsche Wort, im Grunde ging es dabei um körperliche Gewalt."

Zum Anfang
Audio

00:00
/
03:12
Audio jetzt starten

Audio anhören

„Ich denke, die Hauptursache war, dass er viel getrunken hat. Zusätzlich hat er Marihuana geraucht. Er war sehr abhängig von seiner Mutter, und die hat mich als Schwiegertochter immer abgelehnt. Sie meinte, ich sei nicht fähig, die Hausarbeit zu erledigen. Sie hat alles, was ich tat, kommentiert und kritisiert und die Beziehung zu meinem Mann negativ beeinflusst. Er hat sich immer auf die Seite seiner Mutter gestellt. Für diese Frau war immer ich die Ursache für Streit, selbst wenn er mich beleidigt hat und gewalttätig geworden ist. Immer war ich schuld, egal, was passiert ist. Meine Schwiegermutter hat gesagt, ich müsse das ertragen, weil er mein Mann ist und weil das dazu gehört. Es war absolut unerträglich.“

Zum Anfang
Audio

00:00
/
03:12
Audio jetzt starten

Audio anhören

„Am Anfang hatte ich einfach nur Angst und wollte niemandem etwas sagen. Ich hatte Angst vor dem Schritt ins Frauenhaus, den ich dann später gemacht habe. Eineinhalb Jahre lang habe ich gelitten. Nach der Geburt meines Kindes verlor ich wegen all dieser Probleme enorm an Gewicht. Ich wog nur noch 40 Kilo. Jetzt erscheint es mir komisch, aber damals sah ich furchtbar aus. Weder mein Bruder, noch die Familie meines Mannes wusste davon. Nach einiger Zeit konnte ich es nicht mehr ertragen und vertraute mich der Tante meines Mannes an. Sie hat mich für drei Monate bei sich aufgenommen und mich und meinen Sohn versorgt. Meinem Bruder war das egal. Er hat mir gesagt: 'Ich habe meine eigene Familie und kann mich nicht um dich kümmern.' Das war sehr schmerzhaft für mich, von ihm kam überhaupt keine Unterstützung, kein Zuspruch, nichts.“

Zum Anfang
Audio

00:00
/
03:12
Audio jetzt starten

Audio anhören

 Viele Georgier suchen ihr Heil in der Religion. Wir sind zwei Autostunden nördlich von Tiflis am Kloster Alawerdi. Es ist ein Feiertag, und die Pilger picknicken am Straßenrand. Im Hintergrund die Berge des Nordkaukasus.

Zum Anfang
Zum Anfang
Zum Anfang
Audio

00:00
/
03:12
Audio jetzt starten

Audio anhören

Die Kirche des Klosters Alawerdi ist fast 1000 Jahre alt. Das Kloster geht zurück auf Joseph von Alawerdi, der von den georgisch-orthodoxen Christen als Heiliger verehrt wird. Zusammen mit zwölf weiteren Missionaren soll er im sechsten Jahrhundert das Christentum nach Georgien gebracht haben. Das Kloster Alawerdi ist ein beliebtes Pilgerziel. Ende September kommen viele Menschen und feiern dort das Erntefest Alawerdoba mit einem Besuch des Klosters und einem ausgedehnten Picknick. Die georgische Regierung versucht, das Kloster als Weltkulturerbe anerkennen zu lassen.

Zum Anfang
Video

Video ansehen

Für den Klosterbesuch ist sie von weither angereist.

Zum Anfang

Hier können Sie die gesamte Sendung nachhören. Podcast und Manuskript finden Sie auf deutschlandfunkkultur.de

Die Reportage im Radio: sonntags,
ab 12 Uhr 30
im Deutschlandfunk Kultur.

Wir freuen uns über Ihr Feedback: hoererservice@deutschlandradio.de








Zum Anfang
Scrollen, um weiterzulesen
Wischen, um Text einzublenden
Schließen

Übersicht

Nach links scrollen
Kapitel 1 Georgien - Land im Umbruch

Georgien herbst 2016 160

Reliefkarte georgien abch soss

Reliefkarte georgien bsta insert

Dreifaltigkeitskirche tiflis
Kapitel 2 In der „Stadt der Träume“

Poster 0

Poster 0

Poster 0

Poster 0
Kapitel 3 Flüchtlinge, eine Hypothek der Geschichte

Zugdidi 1 kreisverkehr

Poster 0

Poster 0

Poster 0
Kapitel 4 Minderheiten unter Druck: Homosexuell in Tiflis

Georgien herbst 2016 158

Poster 0

Placeholder thumbnail overview desktop

Dsc3984.2
Kapitel 5 Häusliche Gewalt

Dsc04063.2

Dsc04059.2 %283%29

Dsc04055.2

Dsc04252.2
Kapitel 6 Die Rückkehr der Religion

2 tafel mit kirche

Poster 0

Poster 0

Alawerdi kloster
Kapitel 7

Georgien herbst 2016 158
Nach rechts scrollen