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Geschichten zur Reformationszeit

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Wie lebten die Menschen vor 500 Jahren und was ist davon noch übrig? Was ist heute so erregend neu wie damals? Wie erlebten die Menschen die Nacht? Wie waren sie unterwegs? Wie kleideten sie sich? Wie feierten sie?

Vollbild

Eine Woche lang reisen wir im Programm von Deutschlandfunk Kultur hin und zurück zwischen Reformationszeit und Gegenwart. Unsere Reporter, Katja Bigalke und Gerd Brendel sowie Fotograf Ilya Lipkin versuchen, sich mit einem Survival-Trainer in einer Welt ohne Straßenschilder und GPS zurechtzufinden, lassen sich mit Hilfe eines Skeletts aus dem 16. Jahrhundert medizinische Entdeckungen der Zeit erklären und schlagen mit Biochemikern den Bogen zur Genforschung von heute. Kostümschneider erklären die Mode von damals und Designer, was daran heute wieder interessant ist. In Sachsen sind sie zu Gast bei einer Nachtwächter-Familie, in Franken besuchen sie das mittelalterliche Schäferfest, in Berlin fragen sie einen Partyveranstalter nach Feiertagsregeln damals und Tabus heute. Sie tauchen ein in die Welt der Lutherzeit und entdecken Fremdes wie Altbekanntes. 

Vom 15. bis 18. Mai täglich in Studio 9 am Morgen (7:50 Uhr) und im Zeitfragen-Magazin am Abend (19:07 Uhr).

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„Herr Jesu Christ, bleib Du bei mir. Es will nun Abend werden
Lass doch Dein Licht auslöschen nicht bei uns allhier auf Erden.“  So heißt in einem Kirchenlied aus dem 16. Jahrhundert. Licht im Dunkeln und göttlichen Schutz, das war es, wonach die Menschen sich vor allem sehnten, wenn es dunkel wurde. Die Nacht damals war – anders als die Nacht heute – nicht nur dunkler. Eine Nachtwanderung durch fünf Jahrhunderte und über knapp 90 Meter Höhenunterschied.

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300 Stufen ohne Fahrstuhl. Dafür liegt den Melzers ihre Heimatstadt Annaberg-Buchholz zu Füßen. Seit fast 20 Jahren lebt und arbeitet das Ehepaar hier oben im Turm der St. Annenkirche. Die Berufsbezeichnung ist so alt wie die 500 Jahre alte Kirche. Die Melzers sind Türmer.

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Mathias Melzer, Türmer

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Vom Mittelalter bis 1939 war es so, dass der Türmer die Wache über die Stadt hatte. Er musste also alle 15 Minuten aus den Fenstern seiner Wohnung schauen, ob ihm irgendwas auffällt: Feuer, Rauch oder einbrechende Feinde. Wenn er was bemerkt hatte, musste er mit der Heuerglocke, der Bergbauglocke Sturm läuten.

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In Rothenburg ob der Tauber, wo es auch heute nachts fast noch so aussieht wie im 16. Jahrhundert, ist Markus Wirte als Direktor des Kriminalmuseums quasi zuständig für die Nachtseiten des Mittelalter und der frühen Neuzeit. 

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Markus Hirte, Direktor des Kriminalmuseums Rothenburg ob der Tauber

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Bußprediger wie Geiler von Kayersberg ängstigten um 1500 ihre Zuhörer mit Geschichten von der „Milchhexe“, die das Vieh keine Milch mehr geben ließ. Künstler wie Albrecht Dürer lieferten das Bildmaterial. Wer nachts allein unterwegs war, machte sich verdächtig und lief Gefahr, auf einem der vielen Scheiterhaufen verbrannt zu werden. Zehntausende meist weist weibliche Opfer forderte die Hexenverfolgung im 16. und 17. Jahrhundert.

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Nicht nur in Annaberg-Buchholz ist die Nacht längst taghell geworden. Der Schrecken ist in den Untergrund gezogen und wird in dunklen Kellern erzeugt, wie im Monstercabinet der Künstlergruppe Dead Chickens, die sich hier 20 Stufen tief unter dem Hackeschen Markt in Berlin-Mitte ihr eigenes Bestiarium aus Ungeheuern, Dämonen und Monster zusammengelötet hat.

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Jörg Buttgereit (links), Film- und Theaterregisseur

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Die Nacht ist nicht mehr so schwarz wie in der Lutherzeit. Aber in den Filmungeheuern, Vampiren und Werwölfen – wie in den monströsen Hexenphantasien des 16. Jahrhunderts – begegnen wir heute unseren eigenen Nachtseiten.


Die Reportage zum Nachhören finden Sie hier (05:11 Min.)

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Wer in Dingen Sexualität und Beziehungen den Ton angeben soll, war im 16. Jahrhundert zwischen Kirche und weltlicher Obrigkeit umstritten. Nur dass es beim Sex auch immer um das Seelenheil aller geht, war jedermann klar. Das ist heute anders. Andere Dinge haben sich kaum geändert. Zum Beispiel das Interesse des Staates am wirtschaflichen Aspekt von Sexualität

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Auf der Suche nach mittelalterlichen Sinnenfreuden können Besucher eines Mittelaltermarktes in den Badezuber von Frau Marita Wolf, genannt die Zuberwölfin, steigen. Im historischen Badehaus wird gebadet wie im Mittelalter. Bis ins 16. Jahrhundert gehörte es zu den Orten ungezwungener Geselligkeit, auch wenn die kirchliche Obrigkeit darüber wachte, dass nach Geschlecht getrennt gebadet wurde.

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Marita Wolf, „Zuberwölfin“

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Im Mittelalter war Sex im Badehaus eigentlich auch nicht erlaubt – aber dennoch möglich. Abgesegnet durch die Ehe zwischen Mann und Frau.

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Ledige Mütter wurden aus der Stadt verjagt. Homosexualität war ein todeswürdiges Verbrechen, erklärt Hellmuth Möhring, Direktor des Reichsstadtmuseums Rothenburg. Die Reformation veränderte das Verständnis von Sexualität, das mittelalterliche Ideal mönchischer Keuschheit war kein Ideal mehr. Luther akzeptierte die Sexualität zwischen Mann und Frau als gottgegeben. Sexualität außerhalb der Ehe aber wurde noch härter diskriminiert. Der Staat löste die Kirche als Hüter der öffentlichen Moral ab – für lange Zeit.

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Hellmuth Möhring, Direktor des Reichsstadtmuseums Rothenburg

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500 Jahre hat es gedauert, bis der Staat die Kolleginnen der namenlosen Trägerin des Keuschheitsgürtels als normale Berufstätige einstuft. In einem Berliner Hinterhof arbeitet Emma Steel, die eigentlich anders heißt: Rote Wände, wasserdichte Latexmatraze. Die Frage nach dem Zuhälter quittiert sie mit einem breiten Grinsen.

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Emma Steel, Unternehmerin und Sexarbeiterin

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500 Jahre nach der Reformation haben sich ein paar Dinge kaum verändert: Prostitution gilt nach wie vor als anrüchig und der Staat will diejenigen kontrollieren, die diesen Beruf ausüben. Anderes aber hat sich verändert: die Funktion des Keuschheitsgürtels. Emma Steel hat eine ganze Sammlung davon – allerdings für ihre männlichen Kunden.

Die Reportage zum Nachhören finden Sie hier (06:27 Min.)

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Auf einsamen Autofahrten leitet uns die Computerstimme des Navi. Wir müssen keine Angst mehr haben, vom Weg abzuirren. Der mittelalterliche Mensch war da ganz anders auf sich gestellt, wenn er sich auf den Weg machte. Wer diese Erfahrung heute nacherleben will, bucht einen Survival-Workshop.

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Bei Benjamin Arlet, Mitgründer von SurviCamp, beginnt der dunkle Wald am Stadtrand von Berlin. Die Kursteilnehmer sollen lernen, sich so zurechtzufinden wie zu Dantes oder Luthers Zeiten.

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Benjamin Arlet, Mitgründer von SurviCamp

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Auf die Idee, sich „just for fun“ den Kräften der Natur auszusetzen, wären Luther und seine Zeitgenossen nicht gekommen: Gereist ist nur, wer einen Grund hatte.

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Den hatten im 16. Jahrhundert vor allem zwei Personengruppen: Kaufleute und Pilger. Die Menschen hatten im Mittelalter wahnsinnig Angst um ihr Seelenheil und so haben sie die Wallfahrt als ein frommes Werk betrachtet, durch das sie ihre Seele aus dem Fegefeuer retten.

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Pfarrer Oliver Gussmann von der Rothenburger Jakobskirche

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Die Pilger von damals reisten unter extremen Bedingungen, angetrieben von der Angst um die eigene Seligkeit. Heute ist es eher die Angst, etwas zu verpassen. Oder wie Pfarrer Gußmann sagt: „Pilger und Wallfahrer sind aus dem Grund des Seelenheils unterwegs gewesen, heute möchten sie einfach ihren Körper wieder spüren.“ 

Die Reportage zum Nachhören finden Sie hier (05:01 Min.)

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Sehr archaisch und zurückgeblieben wirkt aus heutiger Perspektive etwa die Heilkunst der Reformationszeit. Ein Metier, das sich in Mitteleuropa seit dem 2. Jahrhundert nach Christus nicht großartig weiterentwickelt hatte. Aber auch hier werden ein paar neue Frage gestellt. Und ein paar der alten Erkenntnisse haben bis heute überlebt.

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„Trost, o mein Gott, such' ich bey dir! Es mehren sich die Schmerzen; Die Macht der Krankheit dringet mir Mit Weh und Angst zum Herzen.“ 

Gottes Trost ist das einzige, das dem Zürcher Reformator Ulrich Zwingli blieb, als er 1519 an der Pest erkrankte. Der Mensch war der Natur ziemlich hilflos ausgesetzt – von Anfang an. 

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Michael Kessler, Leiter des pharmaziehistorischen Museums der Stadt Basel

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Michael Kessler führt durch die drei Stockwerke seines Museums, das zuweilen wie eine Wunderkammer anmutet. Kräuterbücher und Pflanzenpräparate wie Drachenblut oder Weidenrinde sind hier ausgestellt neben Pigmenten, Skorpionen, ausgestopften Krokodilen, Amuletten oder Arsen, Schwefel und Quecksilber. Auf welche Heilsbringer man setzte, war auch eine Glaubensfrage, erklärt Kessler. Im 16. Jahrhundert allerdings verließ sich die Ärzteschaft mehr oder weniger allein auf eine Lehre. Und die wurde schon seit über tausend Jahren gepredigt.

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Paracelsus, ein Wanderheiler auf der Suche nach dem 5. Element, stellte im 16. Jahrhundert der Viersäfte-Lehre ein eigenes System von Zusammenhängen zwischen Pflanzen, Tieren und Sternen entgegen. Ähnliches kuriert Ähnliches, lautet verkürzt seine These, die bis heute Anhänger findet.
Was geblieben ist von dem alten Wissensschatz?

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Torsten Spenke, Inhaber der seit 1508 existierenden Löwen-Apotheke in Annaberg Buchholz im Erzgebirge

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Brennesselwurzeln, Salbei, Melisse, Majoran, Weihrauch, Wacholder Steinklee, Schachtelhalm – die Liste an alten Pflanzenheilmitteln, die auch heute noch helfen gegen Entzündungen, zur Beruhigung, für die Verdauung, gegen Kopf- und Bauchschmerzen, ist lang. Heute wird allerdings eine erprobte Dosierungsanleitung mitgereicht und über Nebenwirkungen aufgeklärt. Auch die Anforderungen an den Anbau der Kräuter sind strikter geworden.

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Spenke dreht auch keine Pillen mehr auf dem Holzbrett, wie es seine Vorgänger noch gemacht haben. In Einzelfällen fertigt er aber durchaus noch Zäpfchen und Augentropfen an. Wie in alter Zeit.

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Im 16. Jahrhundert genossen die wenigen Apotheker, die es damals gab, für solche Fähigkeiten noch viel Anerkennung, meint Spenke. Im Gegensatz zu den eigenwilligen Heilmitteln, die Quacksalber und Kräuterfrauen auf den Märkten anboten, galten ihre Medikamente auch als sicher, weil kontrolliert. Eine Qualität, die man gar nicht hoch genug schätzen kann, sagt Spenke und greift zu einem uralten Apothekereid…

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Die Abgabe von Theriak etwa, einer Mischung aus Opium und vielen weiteren Heilsubstanzen, musste schon zu Luthers Zeiten besonders geregelt werden. Das Schmerzmittel war äußerst beliebt. Vor allem, weil es wirklich wirkte.

Die Reportage zum Nachhören finden Sie hier (07:22 Min.)   

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Lebensnotwendig war damals genau wie heute natürlich das Essen: Und es gibt durchaus Parallelen zwischen den Epochen. Im Berliner Restaurant „Herz und Niere“ wird nach Rezepten 
aus der Reformationszeit  gekocht und auch bei der Verarbeitung der Nahrungsmittel orientieren sich die Betreiber an dieser Zeit.

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Christoph Hauser, Küchenchef im Kreuzberger Restaurant „Herz und Niere“ nimmt das halbe Schwein, das im Kühlraum von der Decke baumelt, vom Haken, wuchtet es sich mit seinem Gehilfen über die Schulter: 60 Kilo. Fleisch vom Feinsten, sagt er. Von einem Freilandhof in Brandenburg, wo die Schweine das ganze Jahr draußen leben.

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Christoph Hauser, Küchenchef

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Im Restaurant „Herz und Niere“ wird das ganze Tier verarbeitet. Von der Nase bis zum Schwanz. So wie es vor der Ära der Massentierhaltung jahrhundertelang üblich war. Auch in der Reformationszeit. Der „Nose-to-tail-Ansatz“, wie es heute heißt, ist eine bewusste Entscheidung.

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Alles verarbeiten, saisonal und regional kochen. In gewisser Weise kehrt Hauser damit zu den Ursprüngen der deutschen Küche zurück. Zu Dinkel und Graupen, Kohl, Pastinaken und Bohnen, Schweinskopf, Kutteln und Schmalz-Stulle. Im Gegensatz zur Reformationszeit sind Hausers Rezepte aber nicht aus der Not geboren. Das lässt ihm auch mehr Spielraum, alte Gerichte neu zu interpretieren, sagt er. 

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Knusprige Rotkohlflocken, Schweinebraten à point oder fluffig gebackenes Blut mit Sahne und Kräutern verfeinert. Die Zutaten sind alt, die Verarbeitung anders, erklärt Hauser. Muss auch so sein, weil sich Ernährungsgewohnheiten ändern und auch manche Rohstoffe – zum Beispiel Blut – heute nicht mehr so angesagt sind.

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Blut-Maccarons werden Luthers Zeitgenossen sicher nicht serviert. Bratwurst schon. Auf Bratwurst, die angeblich Herzlichkeit und Kraft erhält, folgt Sauerkraut, dass einem das Leben nicht sauer wird. Dann Linsen, Klöße, Gans, Kompott, Buttermilch, Nüsse und Pilze.

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Hauser vermengt die Mischung mit dem Schweinefleisch, drückt es durch den Fleischwolf und verfeinert das Hack zuletzt mit frischem Salbei und Honig.

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Neben Fleisch findet der Koch alte Gemüsesorten spannend. Neu-Interpretationen von Gerstensuppe kann er sich durchaus vorstellen. Er liebt es, mit lokalen Fischen wie Hecht oder Karpfen zu arbeiten, die auch zu Luthers Zeiten bei Bauernfamilien auf dem Tisch kommen. In Herz-und-Niere-Kochbuch findet man überall Anleihen an die alte Zeit.

Die Reportage zum Nachhören finden Sie
hier (07:12 Min.)

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Vom zügellosen Mittelalter zur gesitteten Renaissance: Nirgends lässt sich dieser Paradigmenwechsel besser zeigen als in den Umbrüchen der Festkultur um 1500. Wir machen uns auf die Suche nach Feiern, die heute noch genauso gefeiert werden, wie damals und treffen Touristen beim Mittelalter spielen. Feste hatten schon immer ganz unterschiedliche Funktionen. Ein paar sind die gleichen geblieben. Ein paar haben sich verändert.

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Im September ist es wieder soweit: Dann feiert Rothenburg ob der Tauber die Reichsstadttage. Eine ganze Stadt spielt Mittelalter oder Dreißigjährige Krieg oder irgendwas dazwischen. Einträchtig tanzen Frauen in langen Röcken Ringelreihen neben marschierenden Landsknechten. Und vor dem Rathaus führen Yanina Langen und Timo Richter mit zehn anderen Paaren den seit dem Mittelalter belegten Schäfertanz auf, allerdings in Trachten aus dem 19. Jahrhundert und zu Blasmusik. Geschichte wird zur lebenden Kulisse oder besser unsere Vorstellung von Geschichte. Und trotzdem erzählt der mehrtägige Rummel einiges über die Feierpraxis zu Zeiten Luthers.

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Prozessionen und Feste zu Ehren der Stadt- oder der Zunft-Heiligen, das gerade neu eingeführte Fronleichnamsfest, auch die Fastnacht mit ihrem strengen Rahmen zwischen Weihnachts- und Fastenzeit. Mit der Kirchenkritik der Reformatoren und ihrer Vorgänger wurden allerdings die frommen Anlässe suspekt. Die Kirche verlor an Macht. Die weltliche Obrigkeit trat an ihre Stelle mit ihren eigenen Feiern.

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Hellmuth Möhring vom Rothenburger Reichsstadtmuseum

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Das Fest als politische Machtdemonstration. Die Bürger schauten sich die Formen der alten herrschenden Klasse ab. Die Territorialherren und Fürsten bis hoch zum Kaiser bedienten sich bei der glorreichen Vergangenheit, um ihren Machtanspruch zu dokumentieren.
Der historische Umzug, wie ihn die Rothenburger heute zur Freude der Touristen feiern, hier hat er seine Vorläufer.

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Aber natürlich waren und sind Feste und Feiern damals wie heute eine Unterbrechung des Alltags, im 16. Jahrhundert, lange vor geregeltem Urlaub die einzige. Feste für die ganze Gesellschaft verbindliche Feierzeiten sind verschwunden. Was sich damals entwickelt, ein vom Kirchenjahr unabhängiger Festkalender, ist heute fast ganz im persönlichen Terminplan verschwunden.

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Jakob Haupt, Partyveranstalter und Modeblogger

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Die Obrigkeit tritt höchstens bei Ruhestörung und nicht angemeldeten Umzügen auf den Plan. Aber Regeln gibt es trotzdem – ungeschriebene: Wer kommt am Türsteher vorbei? Wer wird wozu eingeladen? Was für die eine Party passt, kann bei der nächsten zum Hausverbot führen. Allerdings, eine gelungene Party hat sehr wenig mit Machtdemonstration und Überhöhung der alltäglichen Ordnung zu tun, sondern mit dem Gegenteil

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Vielleicht kommt einem die Festkultur des 16. Jahrhunderts bei aller Pracht immer so gezügelt, reglementiert und ein bisschen langweilig vor, weil die rauschhaften, ausschweifenden Feste in den Quellen einfach nicht vorkommen. Am Morgen danach konnten sich einfach die wenigstens noch daran erinnern.

Die Reportage zum Nachhören finden Sie
hier (06:53 Min.)

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Moden gab es natürlich auch damals und sie wechselten. Zwar nicht so schnell wie heute aber schon kontinuierlich. Wer den Ton angab, das hatte noch immer viel mit der alten mittelalterlichen Ständeordnung zu tun. Hier tat sich aber zunehmend eine Kluft auf zwischen erworbenen Geld und ererbten Geld auf. Und je mehr das Bürgertum aufstieg, desto mehr mischte es mit in modischen Dingen. Oft sehr zum Ärger der Obrigkeit. Von den strengen Kleiderordnungen der damaligen Zeit ist hierzulande zum Glück nicht mehr viel übrig geblieben. Einige der aktuellen Trends haben aber durchaus noch etwas zu tun mit der Zeit vor 500 Jahren.

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Nikola Fölster zupft an dem weißen Unterhemd, das dort aus den Rauten der kunstvoll miteinandner verschnürten Kordeln und Samtbänder hervolugt. Das schwere, in Falten gelegte bordeauxrote Samtkleid, gehört Katharina von Bora – Luthers Ehefrau. Zumindest im Film.

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Nikola Fölster, Gewandmeisterin

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Die Gewandmeisterin Nikola Fölster leitet bei der Berliner Theaterkunst die Kostümabteilung. Mehr als zehn Millionen Teile gehören zu dem Fundus für Kleider aller Epochen, der vor allem von Kino-Produktionen genutzt wird. Luther- Filme haben sie hier schon mehrere ausgestattet, sagt Fölster. Aber das Kleid von Katharina von Bora, an dem ihr Team ganze 100 Stunden gearbeitet hat, war schon etwas Besonderes

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Kleidung war im 16. Jahrhundert ein Distinktionsmerkmal. Sie sollte zum Ausdruck bringen, wer zu welchem Stand gehörte. Aber die Grenzen zwischen Edelmann und Bürger verschwommen immer mehr. Sehr zum Ärger der städtischen Räte, die ständig neue Vorschriften über die Tiefe von Ausschnitten, die Form der Hauben, den Schnitt der Männerhosen erließen. Aber Samt, Damast, von Goldfäden durchzogene Tücher, gefärbte Stoffe in rot oder Royalblau, Seide oder Perlenstickereien konnte sich mitunter eben auch mal ein Kaufmann leisten.

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Fölster breitet ein paar Kopien von Bildern auf dem Tisch aus. Kranach, Dürer, Holbein. Ihre Gemälde gehören zu Fölsters wichtigsten Inspirationsquellen für die Reformationszeit.
Auch in aktuellen Kollektionen lassen sich immer wieder Anleihen an die Reformationszeit finden. Überlange Ärmel, die den Handrücken bedecken zum Beispiel, oder auch die Carmen-Bluse taucht immer mal wieder auf. Statt geschnürten Miedern gibt es heute Shape Unterwäsche. Besonders auffällig ist die Parallele zum 16. Jahrhundert aber in der Wiederentdeckung der alten Materialien.  

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Peter Plitt hat ein kleines Loch in den Ackerboden gekratzt, hält eine winzige aufgegangene Leinsaat in der Hand. Er ist einer der letzten Landwirte, die in Deutschland Flachs anbauen. Diese Pflanze, die vor 500 Jahren zur Blütezeit noch ganze Landstriche in ein blasses Himmelblau tunkte.

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Peter Plitt, Landwirt

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Auch an Plitts Hof, dessen Geschichte bis zum Ende des Dreißigjährigen Kriegs zurückgeht. Schon allein um den Eigenbedarf an Kleidung, Decken, Säcken zu decken, baute jeder Flachs an, erklärt Plitt. Er selbst hat noch ein paar alte Säcke, Matratzenbezüge und Tischdecken aus Leinen im Keller.

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Mit der Verbreitung von Baumwolle, dem Aufkommen von synthetischen Fasern, ging der Anbau von Flachs zurück. Auch die alte kratzige Wolle wurde immer weniger nachgefragt. Bis nach der ersten Begeisterung für Nylon und Co, die Vorzüge von Naturfasern wiederentdeckt wurden. Zum Beispiel von der Firma Hess Natur, dem deutschen Pionier in Sachen Ökokleidung.

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Rolf Heimann, Textilingenieur im Vorstand der Hess Natur Stiftung zeigt ein paar Mustermaterialien, die bei Hess Natur heute weiterverarbeitet werden. Wolle, Seide und auch das Leinen von Peter Plitt. Im Vergleich zu früher haben sich die Qualitäten der Stoffe natürlich stark verändert, erklärt er. Die Wollen sind weicher, weil sie von anderen Schafen stammen. Die Fasern feiner, weil sie anders verarbeitet werden. Bio-Textilien sind en vogue und sehen mittlerweile auch gar nicht mehr öko aus, schwärmt Heimann.

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Rolf Heimann, Textilingenieur im Vorstand der Hess Natur Stiftung

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Für Leinen, dem Arme-Leute-Gewebe der Reformationszeit, hat er einen besonders liebevolle Beschreibung: „Man spricht vom gewebten Mondlicht.“

Die Reportage zum Nachhören finden Sie hier (06:51 Min.)

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Neu war sicherlich der Blick, den man ab der Reformationszeit auf den menschlichen Körper warf. 1543 veröffentlichte der Anatom Andreas Vesal seine Körperfabrik – De humani corporis fabrica – sieben Bücher vom Bau des menschlichen Körpers. Damit stellte der junge Professor vieles in Frage, was zuvor hunderte von Jahren galt. Mit seiner Neugierde machte er den Weg frei für etliche Generationen von Wissenschaftlern, die von nun an immer tiefer ins Innere des menschlichen Körpers vordingen sollten.

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Magdalena Müller-Gerbl, Leiterin des anatomischen Instituts der Universität Basel und des dazugehörigen Museums, blättert behutsam durch die Seiten einer gut 200 Jahre alten Ausgabe von Andreas Vesals „De humani corporis fabrica“.

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Mit der Veröffentlichung von „Körperfabrik“ in Basel im Jahr 1543 beendete Andreas Vesal als knapp 30-jähriger Professor für Anatomie und Chirurgie eine mehr als tausend Jahre andauernde Tabuisierung des menschlichen Körpers. Das Idealbild des Menschen im Mittelalter, der Mönch, tötete seinen Körper ab. Leichname galten als unantastbar, weil man die Ruhe der Toten nicht stören wollte. Und das Wissen der Ptolemäer, die im 3. Jahrhundert vor Christus in Alexandria schon einiges herausgefunden hatten war verschüttet.

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Prof. Magdalena Müller-Gerbl, Leiterin des anatomischen Instituts der Universität Basel

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Bis ins 16. Jahrhundert basierte die Vorstellung vom Aufbau des menschlichen Körpers auf dem Werk des Gladiatorenarztes Claudius Galenus. Der hatte im zweiten Jahrhundert nach Christus systematisch Schweine, Affen und Hunde seziert und seine gewonnenen Erkenntnisse auf den Menschen übertragen. Weil sein Erklärungsmodell plausibel klang, wurde es lange Zeit nicht hinterfragt. Erst Vesal verband Theorie und Praxis und führte selbst Sektionen durch. Auch öffentlich. Das Vordringen in die inneren Welten des menschlichen Körpers geriet zum Spektakel.

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Vesal deckte viele Fehler Galenus‘ auf, ersetzte manche aber auch durch eigene. Vieles konnte man im 16. Jahrhundert mit bloßem Auge noch nicht sehen, geschweige denn erklären. Wie das Blut von den Arterien in die Venen kommt zum Beispiel. Die Kapillaren waren unentdeckt und so auch der Blutkreislauf. Und trotzdem war Vesals Werk ein Meilenstein auf der Entdeckungsreise in immer winzigere Strukturen des Körpers.

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Michael Halls Labor liegt um die Ecke vom anatomischen Museum. Am Biozentrum der Universität Basel untersucht der preisgekrönte Forscher unter anderem ein Protein namens TOR, das das Wachstum von Zellen kontrolliert. Mit Vesals Makroskopischen Einblicken hat seine Arbeit nichts mehr zu tun.

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Prof. Michael Hall, Molekularbiologe

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Der Forscher muss in enger Zusammenarbeit mit seinem Team dem sehr ausgeprägten Wettbewerb in der Forschung standhalten. Die Wissenschaft heute ist ein konkurrierendes Geschäft im Vergleich zu Vesals Zeiten, sagt Hall.

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Zwei Post-Doktorandinen seines Teams arbeiten gerade mit Tumorzellen aus der Leber eines Patienten. Im immer gleichen Rhythmus entnehmen sie mit einer Art Spritze eine Flüssigkeit aus einem Behälter, tropfen ihn in einen anderen. Ein Laie kann nicht mehr nachvollziehen, was hier passiert. 

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Wissenschaft als Spektakel funktioniert nicht im Labor von Michael Hall, das voller elektronischer Geräte steht. Anstelle des Skalpells, der Säge und der Pinzetten sind Maschinen gerückt, die eine Wissenschaft für sich sind

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Was für Vesal die feinen Zeichnungen eines Schülers von Tizian waren, ist für Hall das bunte Plastik-Kugelmodell. Wenn sich ein Vergleich zwischen beiden Wissenschaftlern überhaupt erlaubt, dann wohl in ihrer Begeisterung, Grenzen zu übertreten. Während Vesal die Ruhe der Toten störte, könnte Halls Forschung langfristig lebensverlängernde Wirkung haben. Klar ist, dass die Entzauberung des Körpers seit Vesal immer weiter fortschreitet.

Die Reportage zum Nachhören finden Sie hier  (07:21 Min.)

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Übersicht

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Kapitel 1 Einleitung und Inhalt

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Kapitel 2 Hexensabatt und Dämonen

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Kapitel 3 Lasterhaftes im Badezuber

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Kapitel 4 Pilger, Händler und Hausierer

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Kapitel 5 Quacksalber und Heilkräuter

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Kapitel 6 Graupen, Blutwurst und saurer Kohl

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Kapitel 7 Verkehrte Welt und Nostalgie

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Kapitel 8 Leinen, Samt und Wolle

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Kapitel 9 Abschied von der Vier-Säfte-Lehre

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  • Autoren: Katja Bigalke und Gerd Brendel
    Fotos: Ilya Lipkin
    Weitere Bilder: imago/blickwinkel, imago/photo2000
    Redaktion: Carsten Burtke und Winfried Sträter
    Redaktion Multimedia: Benjamin Schöndelen
    Produktion: Deutschlandfunk Kultur 2017

    Impressum
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